Sportreporter klüger als Bundesanwalt

Der Kölner Stadtanzeiger ist schon eine tolle Zeitung. Da weiß jeder Redakteur bestens bescheid. Auf jedem Gebiet. Oder etwa nicht?

Im heutigen Sportteil findet sich ein Kommentar zum Plädoyer des Bundesanwalts zum Thema Freispruch für Ante S. im Schiedsrichterskandal.

Darin beginnt der Redakteur mit einer durchaus zutreffenden Feststellung:

Die Staatsanwaltschaft bezeichnet sich gerne als „objektivste Behörde der Welt“. Sie sammelt nicht nur Be-, sondern auch Entlastendes über einen Beschuldigten. Und manchmal fordert sie sogar einen Freispruch für den Angeklagten – so wie gestern im Revisionsprozess um den größten deutschen Fußballskandal.

Dennoch, so beobachtet der Autor richtig, könnte es für die Angeklagten trotzdem mit einer Verurteilung enden.

Dabei geht es um die Frage, ob Sapina den Wettanbieter Oddset getäuscht hat, um einen Vermögensvorteil zu erhalten. Auf den ersten Blick ist es auch so: wer Spiele manipuliert, betrügt.

Auch der nächste Halbsatz ist mit Abstrichen noch vertretbar:

Juristen gehen aber nicht nach dem Alltags-Sprachgebrauch, sondern nach dem Gesetz

Njaein.

Ab da wird es aber langsam lustig. Und immer lustiger.

und das verlangt, dass beim Betrug derjenige getäuscht wird, der den finanziellen Schaden hat, also Oddset.

Gut, dass es auch Dreiecksbetrug gibt, sei dahingestellt. Allerdings mutet schon die darauf folgende Vermutung, die Staatsanwaltschaft sei über „das Ziel hinaus geschossen“, als sie die Machenschaften des Ante S. nicht als Täuschung bewertete seltsam an. Als sei die Staatsanwaltschaft nur ihres Rufes wegen auf diese Idee gekommen. Nun gut. Zur Frechheit wird der Artikel aber am Ende:

Natürlich spricht hier niemand über bestechliche Schiedsrichter, doch das Wesen der Sportwette ist doch, dass beide Seiten den Ausgang des Spiels nicht kennen und auch keinen Einfluss darauf nehmen. Wer einen Wettschein abgibt, erklärt sich dabei mit diesen Prinzipien einverstanden.

Manchmal hilft der gesunde Menschenverstand auch bei der Rechtsfindung.

Lieber Stadtanzeiger:

Wenn schon, dann bitte richtig.

Problem des Falles ist, was die Täuschung angeht, die Tatsache, dass im Strafrecht zwischen Tun und Unterlassen unterschieden wird. Geht man davon aus, dass ein Wettbürokunde mit Abgabe des Tippscheins erklärt, dass er auf ein Spiel wettet, dessen Ausgang er nicht manipuliert hat, liegt Täuschung durch aktives Tun vor, was eindeutig Tatbestandsmäßig ist. Geht man aber davon aus, dass ein Kunde lediglich verschweigt, dass er das Spiel manipuliert hat, liegt Unterlassen vor, welches lediglich dann strafbar ist, wenn der Unterlassende eine Garantenstellung einnimmt, also rechtlich verantwortlich dafür ist, dass kein Irrtum entsteht. Und das ist beim Wettbüro nun mal nicht der Fall.

Diese Problematik kannte der Redakteur offenbar nicht. Und wenn man sie nicht kennt, kommt einem unwillkürlich der Gedanke: Das kann doch nicht so schwer sein. Allerdings kann man dann, unter Einsatz „des gesunden Menschenverstands“ auch mal überlegen, ob man als Nichtfachmann solche Fragestellungen nach Überfliegen der einschlägigen Zeitungsartikel zum Thema ohne weiteres überblicken kann, oder ob die lange Studienzeit und fachliche Qualifikation eines Bundesanwalt vielleicht doch irgend einen Zweck haben.

Manchmal hilft der gesunde Menschenverstand auch einem Journalisten.

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