Der Fall Helmes: Was ist jetzt eigentlich los?

Derzeit erregt ein Fall die Gemüter in der deutschen Fußballszene, wie ihn wohl nur der Profifußball schreiben kann:

Patrick Helmes, zweifellos talentierter Stürmer des (Noch-?)Zweitligisten 1. FC Köln und gerade frisch aus der Reha zurück, sorgte mit zwei Verträgen für Schlagzeilen, die er beim Lokalrivalen, um nicht zu sagen Lokalfeind Bayer 04 Leverkusen unterschrieben hatte. Demnach verpflichtete er sich, im ersten Vertrag von 2007 bis 2010 die Schuhe für den Werksverein zu schnüren, im zweiten von 2008 bis 2011. Resultat war ein Aufruhr im Fan-Lager und eine öffentlich ausgetragene verbale Schlacht zwischen den Verantwortlichen. Die weiteren Hintergründe, insbesondere die Rolle der kölner Medien und der Hauptbeteiligten sowie des Publikums lasse ich hier mal außer Acht, da ich fantechnisch selbst alles andere als Unbefangen bin, wir wollen ja sachlich bleiben. Also das Juristische:

Der 1. FC Köln hatte mit Patrick Helmes vertraglich vereinbart, dass eine Seite den im Sommer 2007 auslaufenden Vertrag um ein Jahr verlängern kann, und zwar bis zum 30. April, im Profifußball eine übliche Regelung, insoweit auch in § 6 Nr. 3 der Lizenzspielerordnung (LOS) geregelt.

Am 26. Januar schloss Helmes zwei Verträge mit Bayer Leverkusen, einen von 2007 bis 2010, einen von 2008 bis 2011.

Am 30. Januar machte der 1. FC Köln von der Option Gebrauch.

Bereits am 4. Januar hatte Leverkusen dem 1. FC Köln mitgeteilt, dass der Verein mit dem Spieler verhandeln wolle.

Fraglich sind nun zwei Dinge:

1. Welcher Vertrag gilt bis 2008?
Patrick Helmes und Bayer Leverkusen haben, bevor der 1. FC Köln den Vertrag am 30. Januar einseitig verlängerte, einen Vertrag mit Laufzeit von 2007 bis 2010 geschlossen. Nachdem der 1. FC Köln die Option gezogen hatte, besaß Helmes somit nun zwei Verträge für die Zeit von 2007 bis 2008. Die LOS sagt dazu folgendes:

Der Abschluss von Verträgen mit mehreren Vereinen oder Kapitalgesellschaften für
dieselbe Spielzeit ist verboten und strafbar. (§ 5 Nr. 8 LOS)

Dem Antrag (Auf Spielerlaubnis, Anm.) ist unverzüglich stattzugeben, wenn (…) für den gleichen Zeitraum keine anderweitigen rechtlichen Bindungen als Spieler an einen anderen Verein bzw. eine andere Kapitalgesellschaft mehr bestehen. Liegen anderweitige rechtliche Bindungen vor, wird die Spielerlaubnis
zugunsten des Vereins oder der Kapitalgesellschaft erteilt, der zuerst einen wirksamen schriftlichen Vertrag beim Ligaverband vorgelegt hat. Maßgebend ist der Zugang beim Ligaverband. (§ 13 Nr. 2 c LOS)

Dementsprechend schreibt die DFL in ihrer Stellungnahme an den 1. FC Köln:

„Der am 26.01.2005 vom 1. FC Köln vorgelegte Arbeitsvertrag mit dem Spieler Helmes vom 20.12.2004 hat nach der wirksamen Ausübung der beiderseitigen Verlängerungsoption durch den 1. FC Köln Vorrang im Sinne des § 13 Nr. 2 c) LOS gegenüber einem anderen Vertrag, soweit dieser für den gleichen Zeitraum (01.07.2007 bis 30.06.2008) gültig ist.

Das bedeutet, dass der durch Option verlängerte Vertrag für die Zeit von 2007 bis 2008 Vorrang vor jedem anderen Vertrag hat, unabhängig davon, ob dieser vor oder nach Ziehen der Option geschlossen wurde. Folglich ist der Spieler bis 2008 an den 1. FC Köln gebunden.

2. Was passiert nach der Spielzeit 2007/2008

In der Presse wurde dieser Tage die Ansicht verbreitet, dass der Spieler laut DFL ab 2008 einen gültigen Vertrag mit Bayer Leverkusen geschlossen hätte. Was hat die DFL aber wirklich geschrieben?

Der am 29.01.2007 von Bayer 04 Leverkusen vorgelegte Arbeitsvertrag mit dem Spieler Helmes vom 26.01.2007 mit einer Laufzeit ab 01.07.2008 kann verbandsrechtlich keine Rechtswirkungen entfalten, da der Vertrag im Ergebnis gegen die Wertung des § 5 Nr. 1 Abs. 8 Satz 2 LOS verstößt. Den uns vorliegenden Arbeitsvertrag werden wir Bayer 04 Leverkusen zu unserer Entlastung zurücksenden.

§ 5 Nr. 1 Abs. 8 Satz 2 LOS ist eine Besonderheit des Profifußballs. Diese Norm besagt, dass bis sechs Monate vor Ablauf des Vertrages kein Verein ohne Erlaubnis des bisherigen Vereins des Spielers Verträge mit dem Spieler abschließen darf, Vertragsverhandlungen dürfen nur nach Vorheriger Information des Vereins erfolgen:

Vereine oder Kapitalgesellschaften, die einen Spieler verpflichten wollen, der noch ei einem anderen Verein oder einer Kapitalgesellschaft unter Vertrag steht, müssen den Verein oder die Kapitalgesellschaft vor der Aufnahme von Vertragsverhandlungen schriftlich darüber informieren. Ein Spieler darf ohne Einverständnis seines bisherigen Vereins oder der Kapitalgesellschaft einen Vertrag mit einem Verein oder einer Kapitalgesellschaft nur abschließen, wenn sein Vertrag mit dem bisherigen Verein oder der Kapitalgesellschaft abgelaufen ist oder in den folgenden sechs Monaten ablaufen wird. Ein Verstoß gegen diese Bestimmungen wird als unsportliches
Verhalten gemäß § 1 Nr. 4 der Rechts- und Verfahrensordnung des DFB geahndet. (§ 5 Nr. 1 Abs. 8 Satz 2 LOS)

Am 4. Januar, also etwas weniger als sechs Monate vor Ende des Vertrages von Patrick Helmes mit dem 1. FC Köln, teilte Bayer Leverkusen schriftlich den Beginn der Vertragsverhandlungen mit Patrick Helmes mit. Am 26. Januar dann schloss Leverkusen die beiden Verträge mit Helmes. Die Option wurde jedoch erst nach Vertragsschluss gezogen. Fraglich ist also, welche Frist maßgeblich ist: Sechs Monate vor Ende des Vertrages oder Sechs Monate vor Ende des Vertrages mit Verlängerung.

Für ersteres sprechen zunächst praktische Erwägungen: Wenn zur Frist die durch Option mögliche Vertragslaufzeit hinzugenommen würde, könnte bis Ende des Vertrages eigentlich kein Vertrag geschlossen werden, weil ja immer noch die Möglichkeit bestünde, dass die Option gezpgen wird und es somit noch ein ganzes Jahr bis Vertragsende wäre.

Dementgegen steht aber § 6 Nr. 3: Dort ist ausdrücklich festgelegt, dass bis 30. April eines Jahres die Option gezogen sein muss. Somit verbliebe immer noch ein Zeitraum von zwei Monaten, in denen der Spieler einen neuen Vertrag schließen kann.

Ähnlich sieht es offenbar auch die DFL:

Der (…) Arbeitsvertrag mit dem Spieler Helmes vom 26.01.2007 mit einer Laufzeit ab 01.07.2008 kann verbandsrechtlich keine Rechtswirkungen entfalten, da der Vertrag im Ergebnis gegen die Wertung des § 5 Nr. 1 Abs. 8 Satz 2 LOS verstößt.

Bedeutet: Bayer Leverkusen hat im Januar 2007 noch keinen Vertrag mit Patrick Helmes schließen dürfen. Zwar verblieben zu diesem Zeitpunkt weniger als sechs Monate bis zum Ende des Vertrages von Patrick Helmes mit dem 1. FC Köln. Jedoch mehr als sechs Monate bis zum möglichen Ende des Vertrages, sofern der Vertrag durch Ziehen der Option verlängert wird.

Folglich besteht aus Sicht der DFL kein gültiger Vertrag zwischen Bayer Leverkusen und dem Spieler.

Fraglich ist also nur, was andere Instanzen, etwa das DFB-Sportgericht oder ein normales Arbeitsgericht dazu sagen. Bayer Leverkusen hat solche weiteren Schritte bereits angekündigt. Fraglich ist aber auch, ob ein etwaiges Urteil eines Arbeitsgerichts an der DFL-Internen Lage etwas ändern kann. Sollte § 5 LOS gegen geltendes Recht verstoßen, was aufgrund oben der beschriebenen Unwägbarkeiten durchaus der Fall sein kann (nur zwei Monate Zeit für einen erneuten Vertragsschluss bei Vertrag mit Option) hätte der Spieler zwar einen gültigen Arbeitsvertrag, aber immer noch keine Spiellizenz. Und ob man diese einklagen kann, weiß ich jetzt direkt auch nicht.

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  1. #1 von justitiacolonia am Februar 13, 2007 - 1:40 pm

    Eine Klage vor dem ArbG ist extrem unwahrscheinlich. Denn wen sollte Bayer Leverkusen denn dort verklagen?

    Vertragspartner ist allein der Spieler Helmes. Bayer Leverkusen könnte also Patrick Helmes auf Vertragserfüllung bzw. ggf. Feststellung des Bestehen eines Arbeitsverhältnisses verklagen. Der wird erfreut sein und gerne ein Anerkenntnis abgeben. Eine Spielerlaubnis der DFL auf der Grundlage der bislang vorgelegten Verträge wird der Verein damit trotzdem nicht erhalten. Und als Platzwart wird der Verein Herrn Helmes kaum beschäftigen wollen.

    Also wird Bayer nur gegen die DFL auf Erteilung der Spielerlaubnis klagen können. Damit tut sich der Verein aber selbst keinen Gefallen, und macht sich zum Buhmann der Liga.

    Die wahrscheinlichste Variante wird also sein, daß die Angelegenheit die nächsten 10 1/2 Monate ruhen wird, und Helmes am 01.01.2008 den Vertrag mit Bayer Leverkusen nochmals unterschreiben wird – wenn er nicht bis dahin schon (mit Zustimmung des FC) zu einem professionellen geführten Verein gewechselt ist, oder seinen Vertrag beim FC verlängert hat.

  1. Der Fall Helmes: Die nächste Runde « Alles, was Recht ist…

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